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Deutsche Lebensläufe

Zwanzig Jahre liegen das Ende der DDR und die Wiedervereinigung der Deutschen nun bereits zurück. Bücher zu diesem Themenkomplex füllen derweil ganze Regalwände, darunter reichlich eitle, eifernde, rechtfertigende oder besserwisserische. Und so ist es eine eigentlich traurige Tatsache, daß Bücher immer noch Seltenheitswert haben, die den Versuch unternehmen, den jeweils anderen Deutschen mit seiner so anderen Biographie vorurteilslos anzunehmen, erkunden und begreifen zu wollen.

Margot Bischof und J. Michael Heveling-Fischell haben ein solches Buch vorgelegt. In ihm gehen die in Essen beheimatete Pädagogin und der Bonner Sozialwissenschaftler den Lebensläufen von fünf Menschen nach, die - dereinst in der DDR - Akademie für Gesellschaftswissenschaften und im Parteiarchiv tätig - ihre Hoffnungen und Träume einst mit der DDR verbanden und miterleben mußten, wie diese Illusionen nach und nach platzten, dabei Trauer und Leere ebenso hinterlassend wie auch Befreiung von ideologischen Zwängen und dem oftmaligen Doppelleben einer immer verunsicherteren Innerlichkeit und dem abverlangten Gebaren nach außen.

Reales DDR-Leben also, das in dieser Form sehr viel typischer für Lebenswege östlich der Elbe als - bei allem Respekt - wiederständige Opposition.

Bischof und Heveling-Fischells Texte präjudizieren und werten nicht. Sie vermitteln Lebensläufe so, wie ihre Gesprächspartner sie erzählen und beurteilen. Das macht Nachvollziehbarkeit am ehesten möglich, sofern man daran eben interessiert ist.

Das dürfte nach Lage der Dinge vor allem ein Angebot an Leser im Westen unseres Landes sein, dessen Annahme dem Buch dort reichlich zu wünschen wäre. Spätestens die Aufnahme zweier westdeutscher Lebenswege samt der auch ihnen innewohnenden biographischen Krisen quasi als ebenso andersartigen wie vergleichbaren Gegenhorizont sowie ein abschließender Essay über "Formung, Krise und Wiederaneignung von Sinn und Handlungskompetenz in der eigenen Biographie" macht den Band aber auch in den neuen Bundesländern allemal lesens- und deshalb empfehlenswert.

Horst Jacob
aus : "Das Blättchen" in der Tradition der "Weltbühne" Nr. 19 vom 14.09.2009

Margot Bischof, Michael Heveling-Fischell : Fremd werden im eigenen Land.
Biograpfische Spuren und Wandlungen in Deutschland,
Free Pen Verlag Bonn, 222 Seiten, 24,90 Euro.