01.07.2009
Heinz Naylor über das Buch von Hidir Eren Celik
"Der Fluss meiner Träume – Lebensreise eines Wanderers", Bonn 2008
Celik ist kein Träumer im landläufigen Sinne. Ja, er hat Träume: Schöne, denkt er an seine unvergessliche Heimat im Dersim im anatolischen Hochland am heiligen Fluss Munzur und an seine Geburtsstadt Tunceli an dessen Ufern; aber auch schreckliche, denkt er an die jahrhundertlange osmanische und türkische Unterdrückung und Zerstörung seiner anatolischen Heimat, oder an die 11 Jahre Militärgefängnis und Folter seines Bruders. Es sind sehr schöne und auch lustige Geschichten, die er über die Menschen, Berge und Flüsse seiner Heimat erzählt. Celik ist ein Poet: Seine Gedichte sind in den Text eingestreut, seine Sprache ist gefühlvoll, unmittelbar und offen. So erlebt man „eingefangen“ und gespannt mit ihm die Suche nach seiner Vergangenheit und der seines Landes, und man begleitet ihn auf der Reise in die neue Heimat Deutschland am Rhein. Es ist also auch die Geschichte eines Migranten unserer Zeit. Und er erzählt sie auch seinen Kindern (die Deutsche geworden sind), damit sie nicht ohne Vergangenheit bleiben. Sein großer Traum ist der nach Gerechtigkeit, Völkerverständigung, Frieden und Freiheit, und er lebt seinen Traum, er kämpft für dessen Verwirklichung. Er ist Leiter der Evangelischen Migrations- und Flüchtlingsarbeit des Ev. Kirchenkreises Bonn und Vorsitzender des Bonner Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelles Lernen.
Celik wurde 1960 in Tunceli (Dersim) geboren. 1965 ging der Vater - er hatte durch Brand seinen Kurzwarenladen verloren - als Gastarbeiter nach Deutschland, später folgte die Mutter. 1975 besucht er die Eltern in Bonn, aber es hielt ihn nicht in Deutschland, er engagierte sich in der türkischen sozialistischen Jugend und träumte von der Befreiung des Volkes unter der Führung der Arbeiterklasse. Nach seinem Abitur muss er auf Geheiß der Eltern 1978 nach Deutschland. Er lernt im Schnelldurchgang Deutsch und beginnt 1979 das Studienkolleg in Bonn. Er schließt sich der linken, antifaschistischen Gruppe an, es gibt eine Schlägerei mit den „Grauen Wölfen“. Nach Verhaftung seines Bruders bricht er das Kolleg ab, jetzt wollte er tätiges Mitglied der Arbeiterklasse werden. Als Putzkraft im Polizeipräsidium sucht er nach den Folterzellen im Keller, findet keine, es gibt sie nicht. Er realisiert: „Hier herrscht Demokratie und Rechtsstaat“, anders als in der Türkei. Er war dann vier Jahre lang regulär Arbeiter, trat der Gewerkschaft bei, der er noch heute angehört. Am Arbeitsplatz war man gleichgestellt. Für die Gewerkschafter gab es keine ‚Gastarbeiter’, nur Kollegen. Zitat: „Die Migrationspolitik der Gewerkschaften war von Anfang an integrationsorientierter als die Politik sämtlicher politischer Parteien im Bundestag.“ Mit 22 heiratet er. Seine Frau Besime stammt auch aus Tunceli. Celik ging wieder in’s Studienkolleg, er war jetzt „hungrig nach deutscher Sprache“, er las die deutschen Dichter, Philosophen und modernen Literaten. Es folgte das Studium der Politikwissenschaften, was sonst? Seine Promotion ging über „Migrationspolitik der Parteien und Gewerkschaften.“ Dankbar ist er seinen deutschen Lehrern. Celiks Frau und die zwei Söhne sind Deutsche geworden. Seine Ausbürgerung konnte er wegen seiner Kriegsdienstverweigerung erst nach sieben Jahren und auch nur auf öffentlichen Druck erreichen. Seit 1999 ist auch er Deutscher.
Eine ungewöhnliche, aber erfolgreiche Integrationsgeschichte! Dennoch: Sein Ältester fragte einst: „Papa, wer sind wir? Sind wir Türken, Kurden oder Deutsche?“ Er wusste, dass sie immer noch als Fremde angesehen werden. Erst sein Jüngster kennt dieses Gefühl nicht mehr; anders als viele Migranten, die nach mehreren Generationen noch immer nicht in Deutschland angekommen sind!
Zur Vergangenheit: Die Mutter Güldiyar („Rose der Fremde“, denn sie schlug in der Fremde Wurzeln) von Celics Urgroßvater war die einzig Überlebende einer Stammesfehde wegen unerlaubter Liebe zweier junger Menschen. Ihre große Familie wurde vollständig ausgelöscht. Sie und ihr kleiner Sohn wurden nach langer Wanderung von einem friedliebenden Stamm im Dorf Mullu im Dersim aufgenommen und die Sehnsucht nach Frieden wurde - in der immer wieder geplünderten Heimat - tradiert. So beginnt die lange, phantasievolle, bilderreiche Geschichte über seine Vorfahren und die traditionelle Lebensweise auf dem Lande im Dersim, Heimat und letztes Rückzugsgebiet der von den Osmanen und der türkischen Republik unterdrückten und verfolgten Armenier.
Cedik will aufklären. Er beschreibt die systematische Islamisierung und Türkisierung seines Volkes: Islamunterricht in der Grundschule ist Pflicht. Die einst zerstörten armenischen Dörfer wurden durch sunnitische Kurden neu besiedelt. Der Gebrauch der einheimischen Sprache Zazaki ist verboten. (Celik ist ungeachtet des „Sprachzwangs“ ein großer Liebhaber der türkischen Sprache, in der er schon in früher Jugend zu schreiben und zu dichten begann). Auch die Verfolgungen, Deportationen, Massaker, Plünderungen und Zerstörungen haben nach dem langjährigem Völkermord an den Armeniern Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts mit Hundertausenden Toten und dem Vernichtungsfeldzug der „Jungtürken“ von 1915 mit über einer Million Toten nicht aufgehört. Natürlich haben sich die Dersimer gewehrt, sie forderten Autonomiestatus. 1937/1938 wurden 70.000 Dersimer ermordet und 50.000 in die Westtürkei zwangsdeportiert. 1993 bis 1995 vertrieb und tötete türkisches Militär erneut Einwohner aus ländlichen Gebieten Tuncelis. Als Celic 2001 mit seinen Kindern die Heimat besuchte, sahen sie am Straßenrand verbrannte Häuser und Autowracks.
Die Dersimer sind überwiegend Alewiten und diese haben mit dem Islam nichts zu tun, unterliegen aber seit altersher starkem Islamisierungsdruck. Das Alewitentum geht vielmehr auf den armenisch-orthodoxen christlichen Glauben zurück. Es gibt keine einheitliche alewitische Glaubensgemeinschaft, sondern viele Gruppen, die durch mündliche Überlieferungen ihre Traditionen weitergeben. Sie feiern Weihnachten, Ostern und Gemeindefeste, sie haben Geistliche, früher gab es noch Kirchen. Die Frauen sind gleichberechtigt. Sie kennen heilige Orte, Berge, vor allem den Fluss Munzur und verehren Sonne und Mond. Alew heißt Feuer: Von Donnerstag auf Freitag werden Kerzen an Mandelbäumen und heiligen Stätten angezündet. Es ist ein grober Irrtum, die Alewiten als reformierte Muslime zu bezeichnen. Celic hält einen Reformationsprozess innerhalb des Islam für überfällig und beschäftigt sich ausführlich und unvoreingenommen mit diesem Thema, allgemein und unter dem Gesichtspunkt Integration.
Im Buch sind seine vielen liebevollen Erinnerungen an sein Kindheit und Jugend in Tunceli am Fluss Munzur verstreut. Seine Naturliebe, der Apfelbaum vor dem Haus, die wunderbaren Blumenfelder, die Hunde und Katzen, die galoppierenden Wildpferde, der immer klare Sternenhimmel (in Deutschland so entbehrt) und im Winter der Schnee. Die Geschichten über die große Verwandtschaft und über die neugierige Zuhörerschaft der Gastarbeiterbesucher im Dorf, das geheimnisvolle Tonbandgerät und der Wackeldackel. Ferner die drangvollen Gebete der jungen Frauen am heiligen Fluss, wenn Kinder ausbleiben. Und die Schattenseiten: die Konflikte unter den Stämmen, die Zwangsehen. Dann wieder die Geschichten der Märchenerzähler, die von Dorf zu Dorf wanderten. Die harmlosen Jugendstreiche und Mutproben und immer der Fluss Munzur. In ihm schwammen sie wie die Fische und spielten an seinem Ufer. Am Ende besingt er sogar seinen neuen Heimatfluss, den Rhein. Und vieles andere mehr. Man liest es mit Genuss.
Immer wieder wird der Fluss Munzur, die Lebensader der Region, besungen. Zum Schönsten gehören Celics Gedichte und die Legenden über Munzur. Hier eine Kostprobe: Munzur, ein Hirte, wird von zwei Wölfen um ein Schaf gebeten. Er fragt seinen Herrn, ob er eines abgeben dürfe. Der schmunzelt ob der Naivität Munzurs, aber lässt ihn gewähren. Auf Munzurs Erlaubnis wählen die Wölfe ausgerechnet sein eigenes, schwangeres Schaf aus. Die Wölfe schicken es zurück und es begann zu sprechen: „Die Wölfe waren Engel, sie erprobten dich, ob du Hungrigen dein einziges Schaf gibst. Ich gebar zwei Widder, eines um Abrahams Sohn zu retten, das andere wandert durch die Welt, den Menschen in Not zu helfen.“ Munzur molk die erste Milch nach der Geburt. Als sein Herr und die Dorfbewohner Munzur als einen Heiligen erkannten und seine Hand küssen wollten, lief er mit dem Milchkrug davon, verschüttete aber immer wieder Milchtropfen auf die Erde. So entstanden die vierzig Quellen des Flusses Munzur.
Heinz Naylor
1.7.2009
„Ich durchquere die tiefen Täler und Berge
singe meine Lieder in den Wäldern
und lass meine Tränen den Fluss meiner Träume werden.
Aus dem Traum erwacht
hoffnungsvoll
Singe ich ein neues Lied
Dersim
Ein Lied, in dem die Vögel sich zur Sonne strecken“
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